Elektrosensible Menschen trafen sich erneut im Künzeller Atombunker

Erneut ziehen EHS-Patienten in den Künzeller Bunker ein
Erneut ziehen EHS-Patienten in den Künzeller Bunker ein

13.6.2013

Bereits zum zweiten Mal flüchteten elektrohypersensible Menschen in den ehemaligen Atombunker im Keller des Künzeller Gemeindezentrums. Die bundesweit erstmals durchgeführte Aktion im März dieses Jahres fand so große Resonanz, das sich der Verein Weiße Zone Rhön e.V. zusammen mit Bürgermeister Peter Meinecke (CDU) entschloss, ein weiteres Mal mit Teilnehmern aus dem ganzen Bundesgebiet in den ehemaligen Bunker zur Regeneration elektrohypersensible Menschen einzuziehen.

Die sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus Bremen, Nordrhein Westfalen, Sachsen, Thüringen und dem Odenwald hatten alle eine Gemeinsamkeit: Sie haben eine oftmals jahrelange Krankengeschichte im zeitlichem und örtlichem Zusammenhang mit Hochfrequenzbelastungen. Die Krankengeschichten der an Elektrohypersensibilität (EHS) leidenden Menschen sind oftmals erschreckend, dazu kommt das Unverständnis der Menschen, die nicht selten das Krankheitsbild für eingebildet halten. Deshalb möchten die sieben Gäste im Künzeller Bunker auch nicht namentlich erwähnt werden.
Ein Betroffener leidet seit 1997 an Konzentrationsstörungen, Muskelkrämpfen, Muskelschmerzen, Sensibilitätsstörungen und Erschöpfung. Er verlor dadurch seinen Arbeitsplatz. Erst sechs Jahre später hörte er von ähnlichen Symptomen im Zusammenhang mit DECT- Schnurlostelefonen, Mobilfunksendeanlagen und Handys. Er erinnerte sich, dass kurz vor seiner unerklärlichen Erkrankung DECT-Telefone am damaligen Arbeitsplatz installiert worden waren. Jetzt lebt er in einer funkarmen Kellerwohnung und trägt im Freien Abschirmkleidung und eine Abschirmkopfbedeckung.

Eine weitere Teilnehmerin litt seit langem unter extremen Schlafstörungen, Schwindel, Schwäche, Übelkeit, Herzrasen und Kopfschmerzen. Auf dem benachbarten Krankenhaus waren Mobilfunksender in Betrieb gegangen. Etliche erkrankte Anwohner engagierten sich seinerzeit gemeinsam, bis die Mobilfunksender im Jahr 2000 wieder abgebaut wurden. Inzwischen gibt es dort einen neuen Landrat und einen neuen Bürgermeister. Offensichtlich haben diese keine Kenntnis von den damaligen Erkrankungen. Denn es wurden erneut Mobilfunksendeanlagen auf dem Krankenhaus installiert. Somit kamen auch die Beschwerden zurück.

Seit 2003 leidet eine weitere Teilnehmerin nach einem Umzug in ein Mehrparteienhaus unter Stechen und Kribbeln im Kopf, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Vibrieren, Muskel- und Nervenschmerzen, Muskelzuckungen, Sensibilitätsstörungen, extreme Müdigkeit, Sehstörungen und starke Stimmungsschwankungen von Verzweiflung bis Wutausbruch. Ihre Nachbarschaft nutz DECT, WLAN und Handys und trägt damit zu Hochfrequenz-Immissionen bei, die zu den beschriebenen Reaktionen führen.

Viele Menschen leiden unter denselben Symptomen. Jedoch ziehen sie und ihre behandelnden Ärzte aus Unwissenheit einen möglichen Zusammenhang mit Hochfrequenzbelastung meist nicht in Erwägung. Alle Flüchtlinge haben sich in den vier Tagen des Elektrosmogarmen Aufenthaltes in Künzell gut erholt. Der zeitweise Einzug der betroffenen Menschen ist allerdings nur eine Notmaßnahme um der allgegenwärtigen und alles und jeden durchdringenden Strahlenbelastung durch Mobilfunkstrahlung wenigstens für kurze Zeit zu entgehen und ihren Körpern ein Umfeld zur Entspannung und Regeneration zu gewähren.

Der mittlerweile flächendeckende Ausbau des LTE-Mobilfunknetzes und des TETRA-Behördenfunks lässt diese Menschen an körperliche Grenzen gelangen. Die von WHO und Europarat schon 2011 geforderte Bereitstellung von Rückzugsgebieten lässt noch immer auf sich warten. Der Einzug in den Künzeller Atombunker ist somit als dringender Appell an alle Verantwortlichen in Politik und Verwaltung zu sehen, umgehend Rückzugsgebiete für EHS-Betroffene zu schaffen und auch im Interesse nachfolgender Generationen eine umfassende Senkung der Strahlenbelastung durch elektromagnetische Felder (EMF) wie z.B. Mobilfunknetze und WLAN-Geräte durchzusetzen. Der „strahlungsfreie“ Raum des Bunkers bietet des Weiteren natürlich auch die Möglichkeit vergleichende Untersuchungen zu machen und so stichhaltig die Schädigung durch elektromagnetische Felder (EMF) zu belegen.

Betroffene und interessierte Menschen können sich gerne mit dem WEISSE ZONE RHÖN e.V. in Verbindung setzen. Nähere Informationen unter Tel. 06882-917737 oder k-schuhmacher@t-online.de

Flucht in den Bunker

Urlaub im Bunker?
Urlaub im Bunker?

21.03.2013

Fast mutet es wie ein Kegeltreffen an, im Keller des Künzeller Gemeindezentrums nahe bei Fulda. Der ehemalige Atombunker wurde nach Ende des Kalten Krieges zur veritablen Kegelbahn umgebaut. Aber ein Nutzungsvorteil blieb, denn der Keller ist immer noch strahlensicher. Und das ist der eigentliche Grund, der ganz unterschiedliche Menschen dazu bewogen hat, für vier Tage in einen Atombunker zu ziehen. Denn alle Teilnehmer haben das gleiche Problem: Sie sind elektrohypersensibel (EHS), sie spüren hoch- und niederfrequente Strahlung und leiden darunter sehr.

Vor Jahren wurde diese Krankheit noch belächelt, Patienten nicht selten von ihren Ärzten schlicht für verrückt erklärt. Doch diese Ansicht ändert sich, denn die Symptome der Sensibilität werden in den Arztpraxen auf Grund des massiven Ausbaus der Mobilfunknetze immer häufiger gezählt. Schlafstörungen, inneres Vibrieren wie unter Strom, Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Herzrasen, Wortfindungsstörungen, Depressionen, Burnout, Verstimmungen, Allergien/Immunschwäche, Bluthochdruck, Verhaltens- und Lernstörungen , Hyperaktivität bei Kindern und Jugendlichen…, die Liste der Beschwerden ist lang.

Unter den Schutzsuchenden im Künzeller Bunker ist die 44 Jährige Ulrike Ziegenhorn aus Erfurt. Die gelernte Krankenschwester und Ergotherapeutin ist auf Grund massiver Auswirkungen der Strahlung auf ihre Gesundheit frühverrentet. Diagnose EHS. „Ich kann nicht am normalen Leben teilhaben, nicht spontan vor die Tür, nicht einfach mal einkaufen, sonst fangen die Beschwerden sofort an“. Freunde mussten sie schon öfter an strahlungsarmen Plätzen in den Wald fahren, um sie zu schützen. Sogar im tiefen Winter schlief sie dort in einem Zelt. Ihr wurde anfangs ein Herzschrittmacher empfohlen, da die gemessenen Herzrhythmusstörungen lebensbedrohlich wurden. In strahlungsarmen Gebieten verschwanden aber die umfangreichen Beschwerden immer. So wie jetzt im Künzeller Bunker. Schon am zweiten Tag konnte sie ihre Schutzkleidung gegen normale Bekleidung tauschen. Keine Schmerzen, keine Beschwerden, endlich richtig schlafen. „Die Plätze, an denen ich mich aufhalten kann, werden aber immer weniger und kleiner“, so die junge Frührentnerin.

Der Ausbau der Funknetze durch neue Standards wie LTE geht ungebremst weiter. Erst kürzlich wurde das Ergebnis einer Studie des Instituts für Mobil- und Satellitenfunktechnik (IMST) bekannt: „Die statistische Auswertung zeigt, dass an den untersuchten Messpunkten die Gesamtimmission durch den Regelbetrieb der LTE-Netze im Mittel um etwa 40 Prozent angestiegen ist". Und auch der Ausbau des neuen digitalen Behördenfunks TETRA, der eine Abdeckung von 97% erreichen will, bedroht das Lebensumfeld elektrosensibler Menschen.

Das bundesweit erstmalige Öffnen eines Atombunkers zur Regeneration Elektrosmog-erkrankten Personen kam durch den Verein „Weiße Zone Rhön e.V. zustande, der Künzeller Bürgermeister Peter Meinecke (CDU) war schnell überzeugt. Die Initiative der elektrosensibler Menschen begleitet die Aktion. Ihr Sprecher Klaus Schuhmacher fordert: „Die Betroffenen leiden teilweise schon seit Jahren und sind mittlerweile durch die zunehmende Belastung, auch durch den flächendeckenden Ausbau des LTE-Mobilfunknetzes und des digitalen TETRA-Behördenfunkes an körperliche Grenzen gelangt“. Die Gruppe der Funkflüchtigen wird von Dr. Cornelia Waldmann-Selsam, einer Ärztin aus Bamberg begleitet. Seit Jahren sammelt sie Kasuistiken, also Fallbeispiele betroffener Menschen. Sie ist Mitverfasserin des Bamberger Ärzteappells von 2004, der die Senkung der Grenzwerte und der Funkbelastung fordert. Eine Senkung der Grenzwerte fordert auch das Europaparlament 2009. Bisher geschah nichts.

In einer Studie der Universität Bielefeld 2010 kam heraus, dass rund 27 % der Bevölkerung auf Grund von elektromagnetischen Feldern (EMF) des Mobilfunks um ihre Gesundheit besorgt sind, 9 % fühlen sich sogar gesundheitlich beeinträchtigt. Ein Drittel der Ärzte halten der Studie zufolge Mobilfunksendeanlagen für besorgniserregend, bei Ärzten mit alternativmedizinischer Weiterbildung ist es sogar deutlich über die Hälfte.

Die österreichische Ärztekammer äußerte 2012 den Verdacht „dass Umweltbedingungen wie etwa die zunehmende Exposition der Bevölkerung gegenüber Funkwellen, z.B. von schnurlosen Telefonen, Mobilfunksendern, Handys, GPRS-,UMTS-Datenkarten für Laptops/Notebooks und Wireless LAN (WLAN) aber auch gegenüber elektrischen und magnetischen Feldern, die von Leitungen, Geräten und Anlagen ausgehen, ursächlich an Beschwerden ohne erkennbaren Ursachen beteiligt ist ...“. So deutlich kann man sich in Deutschland noch nicht positionieren, jedenfalls nicht öffentlich. Immerhin können Ärzte seit März 2013 in Deutschland Behandlungen, die durch Expositionen gegenüber Strahlung nötig werden, ordentlich mit den Krankenkassen abrechnen. Eine faktische Anerkennung des Krankheitsbildes EHS.

Warnungen gibt es immer wieder, aber meist zaghaft oder verklausuliert. Nur selten werden Äußerungen wie die der Weltgesundheitsorganisation WHO, die Mobilfunkstrahlung inzwischen als für den Menschen möglicherweise krebserregend einstuft, bekannt. Die europäische Umweltagentur vergleicht das Zögern der Politik inzwischen mit den Fehlern bei Asbest und Nikotin. Das höchste beschlussfassende Gremium der EU forderte im Mai 2011 alle europäischen Regierungen zu einer Wende in der Mobilfunkpolitik auf. Sie sollten die Strahlenbelastung reduzieren und elektrosensiblen Menschen sogenannte Weiße Zonen, funkfreie Gebiete, zur Verfügung stellen. Genau diese Weiße Zonen werden von den Künzeller Bunker-Flüchtlingen vermisst. Deshalb nahmen sie die Einladung des Künzeller Bürgermeisters Peter Meinecke (CDU), im Künzeller Bunker eine Zeit funkfrei zu regenerieren, dankend an. Durch den flächendeckenden Ausbau existieren kaum noch Nischen, in denen sich die Menschen zurückziehen können, „weiße Zonen, wie von WHO und Europarat schon 2011 gefordert, existieren immer noch nicht“ so Klaus Schuhmacher. Und Dr. Waldmann-Selsam ergänzt: „Wer mit offenen Augen durch den Ort läuft, wird im Umfeld von Mobilfunksendeanlagen Schäden an Bäumen feststellen können. Es ist so offensichtlich“. Die Ärztin befasst sich seit mehreren Jahren mit den Auswirkungen der Strahlung auf Bäume und erklärt warum: „Immer wieder hört man die Auffassung, nur allein die Angst vor Mobilfunkstrahlung mache krank. Nun, Bäume haben keine Angst, sie reagieren aber deutlich auf Elektrosmog“ und zeigt bundesweit dokumentierte Fälle.

Der Einzug in den Künzeller Atombunker sehen die Teilnehmer als dringenden Appell an alle Verantwortlichen in Politik und Verwaltung, umgehend Rückzugsgebiete für EHS-Betroffene zu schaffen und auch im Interesse nachfolgender Generationen eine umfassende Senkung der Strahlenbelastung durch elektromagnetische Felder wie z.B. Mobilfunknetze und WLAN-Geräte durchzusetzen.

Regionale Pressemeldungen hierzu:

Flucht in den Bunker
EHS-kranke regenerieren im Künzeller Atombunker
Flucht in den Bunker_small.pdf
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